Sonntag, 19. Februar 2012
Mittwoch, 17. November 2010
Montag, 1. Februar 2010
Sonntag, 8. März 2009
0230

Zwischen den Zeilen
Zwischen
den Zeilen
steht nichts
geschrieben.
Jedes Wort
ist schwarz
auf weiß
nachprüfbar.
- Rolf Dieter Brinkmann -
Mittwoch, 11. Februar 2009
Donnerstag, 8. Januar 2009
0208

SCHNEE
Schnee: wer
dieses Wort zu Ende
denken könnte
bis dahin
wo es sich auflöst
und wieder zu Wasser wird
das die Wege aufweicht
und den Himmel in
einer schwarzen
blanken Pfütze
spiegelt, als wär er
aus nichtrostendem Stahl
und bliebe
unverändert blau.
- Rolf Dieter Brinkmann-
Mittwoch, 1. Oktober 2008
0142

Die Sternseherin Lise
Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern' am Himmel an.
Sie gehn da, hin und her zerstreut
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereih't
Wie Perlen an der Schnur;
Und funkeln alle weit und breit,
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit,
Und kann mich satt nicht sehn...
Dann saget, unterm Himmelszelt,
Mein Herz mir in der Brust:
"Es gibt was Bessers in der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust."
Ich werf mich auf mein Lager hin,
Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn,
Und sehne mich darnach.
-Mattias Claudius (1740-1815) -
The Star Gazer Lise
Often, around midnight,
If my work is done
And no one in the house is awake,
I watch the stars in the sky.
They go there, scattered hither and yon
As lambs upon the lea;
In flocks also, and lined up
like pearls on a string;
And all sparkle far and wide,
And twinkle pure and beautiful;
I see their grand magnificence,
And am never weary of watching...
Then, under the heaven's canopy,
My heart says in my breast:
"There's something better in this world
Than all the pain and wanting."
I go to my quarters,
And lie for a long time awake,
And search for it in my mind,
And long I contemplate.
Resources:Yahoo! Babel Fish,
Prompt Translator, Matthias Claudius by Herbert Rowland
Sonntag, 10. August 2008
0109

Rangordnung
In einem Lumpenkasten
War große Rebellion:
Die feinen Lumpen haßten
Die groben lange schon.
Die Fehde tät beginnen
Ein Lümpchen von Batist,
Weil ihm ein Stück Sacklinnen
Zu nah gekommen ist.
Sacklinnen aber freilich
War eben Sackleinwand
Und hatte grob und eilig
Die Antwort bei der Hand:
»Von Ladies oder Schlumpen -
's tut nichts zur Sache hier,
Du zählst jetzt zu den Lumpen
Und bist nicht mehr wie wir.«
- Theodor Fontane -
Dienstag, 24. Juni 2008
0088

A Letter from Marie Curie
barely glances at the foreign words
but she likes the stamp.
It is a kind of pale blue
she hasn’t seen much of.
The lawyer who brought the letter
talks of a famous scientist
who found the magic ingredient
that made the clockfaces she painted
shine in the dark. He doesn’t say
that each lick of the brush
took a little more radium
into her bones, that in
sixteen hundred years
if anything remained of her
it would still be half as radioactive
as the girl is now,
thumbing through the atlas
she asked her sister to borrow.
He explains that Marie Curie
is anaemic too, but the girl
isn’t listening. She found
it’s not so big. The lawyer shrugs:
She says to eat plenty of raw calves’ liver.
- Lavinia Greenlaw -
Donnerstag, 19. Juni 2008
0085

ZIRKUMFLEXE
Jetzt? Zu spät für Gedichte:
Die Sonne nicht mehr als fernher
aufgewirbelter Sand, Staub von Ziegeln
(das Abendrot von Ampeln eingekreist).
Da sind noch Gedärme einer beinahe abgerissenen Bibliothek, Planen, Dünen
über Regalen, ein jahrtausende altes Geräusch, wenn jemand vorüberschleicht, wie aus Versehen.
Ja - Und dieser maßlose Schattenschnitt, quer durch die epische Ordnung
Der Fassaden, der zugleich die Distichen zwischen den Fenstern unterstreicht, die Ränder, die Gesimse...
Was in die Höhe flattert:Vögel, Zirkumflexe? Die letzten sich verdichtend, verflüchtigend? Der Verkehrslärm schwillt kaum merklich an. "Kein Übergang für Unbefugte!" Um die Leggins-Hüften der Ägypterin etwas wie Spannung, Bedeutung, eine mögliche Nacht, anderswo (spurlos)
Ulrich Johannes Beil
Dienstag, 17. Juni 2008
0083

Näher
Deine Berührung überrascht mich
Wie eine Brise Meeresluft in der Stadt,
ich weiß nicht, wohin
in den entgegengesetzten Landschaften meiner Sinne.
Als bekäme man plötzlich einen salzigen Geschmack in den Mund
Beim Überqueren einer Straße, in der man seit Jahren schon lebt,
und verlöre plötzlich aus den Augen, worauf man zuläuft:
ein Fenster, das alles was einem vertraut ist, eingefangen hat
und widerspiegelt; oder den Rand dieser Insel, von dem man endlich einen Ausblick hat.
- Lavinia Greenlaw -
Montag, 21. April 2008
0062_Wunder

Nicht Müde Werden
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.
- Hilde Domin -
Dienstag, 11. März 2008
0046_Was Du brauchst

Was Du brauchst
Du brauchst eine Küste, die Wellen, die anschlagen, du brauchst ein Feld, eine Fläche, die vom Wind / gezeichnet, du brauchst zwei, drei / Wege, die du gehen kannst, zwei / Richtungen, ein Haus, das ist alles
- Björn Kuhligk -
Mittwoch, 27. Februar 2008
0039_Sternenregen
Sternenregen leuchtender
Sternenregen
brasselt
über
das tanzende
Liebespaar
und glitzert
und
funkelt
wie
in die Sonne
getauchtes
Glück!
Dienstag, 26. Februar 2008
0037

Hier
gekrümmt
zwischen zwei Nichtsen,
sage ich Liebe.
Hier, auf dem
Zufallskreisel
sage ich Liebe.
Hier, von den hohlen
Himmeln bedrängt,
an Halmen
des Erdreichs mich haltend,
hier, aus dem
Seufzer geboren,
von Abhang
und Abhang gezeugt,
sage ich Liebe.
- Ernst Meister -
Montag, 25. Februar 2008
0036

Zeit
So wandelt sie, im ewig gleichen Kreise,
Die Zeit nach ihrer alten Weise,
Auf ihrem Wege taub und blind,
Das unbefangne Menschenkind
Erwartet stets vom nächsten Augenblick
Ein unverhofftes seltsam neues Glück.
Die Sonne geht und kehret wieder,
Kommt Mond und sinkt die Nacht hernieder,
Die Stunden die Wochen abwärts leiten,
Die Wochen bringen die Jahreszeiten.
Von aussen nichts sich je erneut,
In Dir trägst du die wechselnde Zeit,
In Dir nur Glück und Begebenheit.
- Ludwig Tieck -
Mittwoch, 20. Februar 2008
0033

IMMER
das gedicht gibt es nicht. es
gibt immer nur dies gedicht das
dich gerade liest. aber weil
du in diesem gedicht siehe oben
sagen kannst das gedicht gibt
es nicht und es gibt immer nur
dies gedicht das dich gerade
liest kann auch das gedicht das
du nicht liest dich lesen und
es dies gedicht hier nur immer
nicht geben. beide du und du
lesen das und dies. duze beide
denn sie lesen dich auch wenn
es dich nicht nur hier gibt
Oskar Pastior
Sonntag, 17. Februar 2008
0031_Valentin

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurückbegeben,
wenn dann sich wieder Licht und Schatten
zu echter Klarheit werden gatten
und man in Märchen und Gedichten
erkennt die wahren Weltgeschichten,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.
Novalis





